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Was brauchst Du wirklich?

 

Kennst Du das? Die Frage, was Du brauchst, nicht beantworten zu können?

 

Es fallen Dir gleichzeitig hundert Sachen ein (die Milch ist alle; es braucht eine Kinderbetreuungslösung am Montag wenn das Meeting länger gehen wird; ich muss zum Friseur; die Budgetaufstellung ist morgen früh fällig; die Elternzeitvertretung im Team ist noch nicht geklärt; es müsste mal jemand den Flur streichen; wann ist die Putzfrau eigentlich wieder aus dem Urlaub zurück; Schlaf, ich brauche Schlaf; und mal ein paar Minuten Ruhe! …). Und dann wieder kannst Du überhaupt nicht sagen, was Du wirklich brauchst? Was möchtest Du in diesen paar Minuten Ruhe machen? Weißt Du, was Dir gut tut, was Deine Akkus auflädt?

 

Wir haben in unserer Alltagswelt heute alle Möglichkeiten und für uns in Deutschland halten sich die wahren Gefahren in Grenzen. Wir müssen meist nicht fürchten, morgen nichts zu essen mehr zu haben oder keinen Platz zum Schlafen. Wir müssen uns auch nicht sorgen, weil unsere Kinder auf dem Weg zur Schule durch gefährliches Kriegsgebiet laufen müssen. Wir wohnen warm und sicher und können mehr kaufen, als wir essen oder brauchen. Dank heutiger Technologien und der digitalen Möglichkeiten ist uns vieles massiv erleichtert, was noch vor ein paar Jahren (!) deutlich aufwendiger war (denke an: Online-Bestellungen, Haushalts-Roboter – zum Rasen mähen oder staubsaugen, Kommunikation, Informationsbeschaffung, Online-Banking u. v. m.). Diese Möglichkeiten sind so schnell entstanden, dass wir alle miteinander noch dabei sind, einen guten Umgang mit ihnen zu finden. Momentan fühlen wir uns persönlich noch oft getrieben von den Entwicklungen, die uns als Gesellschaft doch eigentlich voranbringen.

 

Das Getöse der Möglichkeiten und damit auch der Anforderungen und Erwartungen ist so laut und turbulent, dass wir nicht mehr wahrnehmen, wo wir darin eigentlich stehen und noch wichtiger: Wo wir hinwollen.

 

Dieses Gefühl verstehe ich persönlich gut. Deshalb will ich heute einen Ausschnitt aus einem Vortrag teilen, den ich zu meiner Pilgererfahrung halte. Denn aus genau diesem oben beschriebenen Gefühl heraus habe ich mich 2017 auf den Weg gemacht, über 850 km und sieben Wochen Jakobsweg an der spanischen Küste entlang nach Santiago de Compostela. Die Fragen*, die ich als erstes zu meiner Jakobswegzeit kriege, sind immer die gleichen: 1. Bist Du den Weg alleine gelaufen? Und 2. Wo hast Du geschlafen? Die für mich wichtigste Frage stellt kaum jemand. Über die spreche ich im Vortrag länger und es entsteht der bewegendste Austausch: Was brauche ich wirklich?

 

Auszug aus dem Vortrag:

 

„Eine dritte Frage scheint mir seit der Vorbereitungszeit, aber auch jeden Tag auf dem Weg und vor allem im übertragenden Sinne auch im Nachgang meiner Reise die interessanteste zu sein:

 

Was brauche ich wirklich?

Diese Frage hat mich schon beim Packen sehr beschäftigt und ich fand, dass ich mich mit meinem 10 kg schweren Rucksack schon ganz gut aufs Wesentliche beschränkt hatte. Nach zwei Tagen und 50 km auf dem Weg war mir aber klar, dass längst nicht alles in meinem Rucksack es wert war, von mir den ganzen Tag geschleppt zu werden. Je nach Etappe wiegt ja allein das Wasser, das man mitnehmen muss 2 kg – in meinem Fall hatte ich oft sicher noch 1 kg Essen dabei. In San Sebastián fielen dann meine Wollsocken, ein Shirt, ein Camping-Kopfkissen, meine Haarbürste und etwas Kleinzeugs der Nutzen-Gewicht-Abwägung zum Opfer. 7 kg hat mein Rucksack gewogen, ohne Wasser und Proviant. Und es fühlt sich so befreiend an, wirklich nur das dabei zu haben, was man braucht. … Auch wenn man das dann wirklich unbedingt braucht! Ich bin für ein paar Tage auf dem Jakobsweg berühmt gewesen als die ‘chica‘, die den Weg zurückgelaufen ist, um in ziemlich panischer Unterzuckerung meine Banane zu suchen, die mir vorher aus der Hosentasche gefallen war. Ich hab' echt abgewogen – weiterlaufen in der Hoffnung auf Schatten und eine Möglichkeit, etwas zu essen zu bekommen, oder durch die sengende Mittagshitze zurücklaufen in der Hoffnung, meine Banane irgendwo auf dem Weg liegen zu sehen. Ich habe mich für Zurücklaufen entschieden (was man einfach nicht tut auf dem Camino). Und so habe ich zwei ganz verdutzten spanischen Sportpilgern, die selbst nur Wasser dabei hatten und mir entgegenkamen, auch nur gehetzt zugerufen: „he perdido mi platano“, was übersetzt heißt „ich habe meine Banane verloren“, aber eher rüberkam wie „ich habe den Verstand verloren“ und die nächsten Tage immer wieder zu sehr heftigen Lachanfällen in den Herbergen geführt hat.

 

Was brauche ich wirklich?

Und auch nachdem ich den Rucksack auf das Minimum reduziert hatte, hat mich diese Frage jeden Tag begleitet. Beim täglichen Einkaufen von Essen. Über Pilger beim Einkaufen könnte man wunderbare Witze erfinden und ganze Geschichten schreiben, aber um die Quintessenz zu verstehen, muss man sich nur mal kurz uns alle freitags vorstellen, wie wir mit dem Auto zum Einkaufen in verschiedene Supermärkte hetzen und für die ganze Familie für die ganze Woche einkaufen. Unsere Nerven sind hinterher strapaziert, der Wagen voll mit Zeugs, was wir mehr oder weniger brauchen und das Portemonnaie ist gut 100 EUR leerer. Dazu im Vergleich der Pilger: Der hat seine Tagesetappe erledigt und freut sich erstmal richtig, dass es überhaupt einen Laden gibt und er ihn auch noch gefunden hat. Er kommt zu Fuß – natürlich. Und schlendert dann los auf der Suche nach der einen Banane und dem einen Apfel oder der einen Orange. Er kauft noch etwas Baguette und Schinken und sinnt auf dem Weg zur Kasse über die Frage nach, warum wohl in Spanien Joghurt ausschließlich in Viererpacks verkauft werden. Denn ein Joghurt wäre mal schön, aber man kann nicht vier auf einmal essen und die verbleibenden auch nicht im Rucksack transportieren. Deshalb geht Joghurt nur, wenn ein Mitpilger im Supermarkt in Sicht ist, der teilen möchte. Denn einfach wegschmeißen, was man nicht essen oder benutzen möchte, geht auf dem Camino gar nicht. Zu sehr ist einem der Wert des Einsparens und des wohlüberlegten Konsums bewusst. Und so habe ich auch hier festgestellt, wie wenig ich eigentlich wirklich brauche.

 

Was brauche ich wirklich?

Die vielleicht erkenntnisreichste Ebene der Frage ist für mich aber die, die mir durch den Kopf ging z. B. nach 20 stupiden Kilometern im Regen oder morgens um 7:00 Uhr im Nebel während ich in den Bergen um mich herum die Wölfe heulen gehört habe. Was tut mir gut? Was aktiviert meine Kräfte? Was ist mir wichtig im Leben? Wem oder was will ich Platz in meinem Leben geben? Auf dieser Ebene habe ich auf diesem jahrhundertealten Weg, dessen Alter und christliche Bedeutung man immer wieder einfach spürt, Zeit und Raum gehabt, mich selbst zu Wort kommen zu lassen.

 

Teilweise habe ich mich erinnert an Werte, die ich vergessen hatte. Teilweise habe ich Dinge über mich selbst ganz neu verstanden. Auf jeden Fall habe ich zu mir selbst zurückgefunden und wieder ein gutes Gespür dafür entwickelt, wer ich bin und wofür ich stehen möchte.“

 

Ein gutes Gespür für sich selbst und das Wissen, wofür man stehen möchte ist wohltuend und wertvoll. Wer die Frage „was brauche ich wirklich?“ für sich beantwortet, kann das Leben gestalten, das zu ihm passt. Und seien wir doch mal ehrlich: Wir Alle brauchen doch Mitmenschen, die in dieser trubeligen Zeit nicht nur in der Hektik mitschwimmen, sondern mit uns mitgestalten.

 

Keine Zeit für sieben Wochen Jakobsweg? Das verstehe ich. Und empfehle sieben Minuten Atmen pro Tag. Oder sieben Kilometer Spaziergang in der Woche oder sieben Seiten Wohlfühllektüre abends. Und mindestens sieben Stunden Schlaf ;-)

 

Was ist Deine Sieben, die Dich der Antwort näher bringt?

Was brauchst Du wirklich?

 

 

* 1. Ja, ich bin den Jakobsweg allein gelaufen, war aber unter wunderbaren Mitpilgern nie allein, wenn ich es nicht sein wollte. 2. Ich habe in den Pilger-Herbergen geschlafen (sehr zu meiner eigenen Überraschung).

 

Foto: privat

 

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