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Ich habe keine Zeit!

Ich habe keine Zeit! Das ist die oft schon reflexartige Antwort auf viele unserer Wünsche und Bedürfnisse in unserem Alltag. Wir kennen diesen Satz von uns selbst und hören ihn andauernd links und rechts von uns.

 

Ich würde so gern zum Sport gehen, aber ich habe keine Zeit.

Ich würde mich gern mit Dir treffen, aber ich habe keine Zeit.

Und ein besonderes Biest: Ich würde so gern etwas ändern, aber ich habe keine Zeit.

 

Zeit scheint eins der am schmerzlichst vermissten Güter unserer – ja: – Zeit und Kultur zu sein. Wie kann das denn sein? Zeit ist doch so ziemlich das einzige, was seit Jahrhunderten und Jahrtausenden in immer gleicher Menge vorhanden ist. Schon der Tag des Neandertalers hatte 24 Stunden. Zeit ist außerdem so ziemlich das einzige, was jedem Menschen in absolut gleicher Menge zur Verfügung steht. Auch wenn es manchmal so scheinen mag, hat niemand einfach mal 25 oder 26 Stunden Zeit pro Tag, nur weil sie oder er so wichtig ist. Zeit ist für uns Menschen nicht beeinflussbar. So wie wir beim Wetter nicht den Regen abstellen können oder den Wind lenken, können wir die Zeit nicht ausdehnen oder beschleunigen. Vielleicht reden wir deshalb ähnlich oft und oberflächlich über die Zeit wie über das Wetter? Ich würde fast sagen, Zeit ist das einzige, was uns immer verlässlich, in gleicher Menge gerecht bis zu unserem letzten Atemzug zur Verfügung steht. Wetter ändert sich, Gesundheit haben wir mal mehr, mal weniger, Beziehungen wandeln sich, Geld und Erfolg unterliegt Schwankungen. Die Zeit ist eine verlässliche unveränderliche Größe. Was also verbirgt sich hinter der Aussage: „Ich habe keine Zeit.“? Mal ganz ehrlich, dahinter steht vor allem ein: „Ich NEHME mir nicht die Zeit.“ und: „Ich räume Anderem Priorität ein.“.

 

Für unsere Argumentation gegenüber der Kollegin, die uns ständig um Hilfe bittet, oder dem Bekannten, der fragt, ob wir ihm beim Dachboden entrümpeln helfen, lasse ich die Antwort als Notlüge durchgehen. (Wobei natürlich auch hier die Frage ist, was uns von einer echten, ehrlichen und wertschätzenden Antwort abhält: „Bei 30 Grad unter dem Dach kostet mich das zu viel Kraft. In der Zeit wollte ich mit meinen Kindern im Garten Fußball spielen. Aber in der Nachbarschaft wohnt ein Sechzehnjähriger, der gerade nach Möglichkeiten sucht, etwas Geld zu verdienen. Ich könnte mir vorstellen, dass der für ein paar Euro mit anfassen würde. Du kannst auch gern meinen Kombi leihen.“

 

Für unsere ganz eigene innere Antwort auf unsere ganz eigenen Bedürfnisse (Sport, Freundschaft, Austausch, …) sind wir allerdings gefordert, uns nicht selbst etwas vorzumachen. Ich weiß, dass das vor allem Eltern mit fordernden Jobs nicht hören wollen. Aber ich darf das sagen, weil ich mich als Frau mit kleinen Kindern und Management Job hinter der gleichen vordergründigen Interpretation von Zeit versteckt habe: Wenn Du keinen Sport machst, dann liegt das nicht daran, dass Du keine Zeit hast. Dann liegt das daran, dass Du Dir keine Zeit NIMMST und andere Dinge wichtiger sein lässt.

 

Ich höre förmlich Dein verächtliches Schnauben, dass bei Deinen ganzen Aufgaben und Verantwortungen wirklich keine Zeit für Dich bleibt. Das verstehe ich so gut, weil wir wirklich sehr viel schultern und unheimlich viel leisten. Genau aus diesem Grund ist es mir ein großes Anliegen zu zeigen, dass auch – und gerade! – in unserem komplexen Alltag Zeit für die Dinge ist, die Dir gut tun. Wir spüren doch immer wieder, dass wir die großen und vielen Aufgaben unseres Lebens nur gut und gerne schaffen, wenn wir regelmäßig auftanken. (Ich weiß, einmal im Jahr im Urlaub zu versuchen aufzutanken ist auch eine gewisse Regelmäßigkeit. Das reicht unserem Biorhythmus allerdings nicht. Ich meine hier die tägliche Regelmäßigkeit.)

 

Also, wie schaffen wir es, uns Zeit zu nehmen für das, was uns wichtig ist? Für die meisten von uns heißt das, viel öfter nein zu sagen. Es gibt viele Menschen, Aufgaben, Dinge, die sich bei unserer Zeit bedienen ohne dass wir sie wirklich geben wollen. Es liegt dann in unserer Verantwortung, als Hüter/in unserer Zeit nein zu sagen (zum Beispiel zum Dachboden-Entrümpeln s. o.). Es liegt aber genauso in unserer Verantwortung, zu wissen, was uns wirklich wichtig ist. Denn nur dann können wir entscheiden, was ein Nein bekommt und was ein Ja. Und dann geht es um die trade-offs. Was ist der Preis für das, wozu ich ja sage? Dem Bekannten beim Entrümpeln zu helfen würde einen Nachmittag Zeit mit meinen Kindern im Garten kosten. Der Preis ist mir zu hoch. Ich sage nein – vor allem, wenn ich den Preis wirklich sehe und nicht dem Irrglauben unterliege, alles schaffen zu können.

 

Ich spreche oft mit Menschen, die sich keine 15 Minuten Kaffeepause am Tag nehmen, wenn sie aber schon Projekte bewegt haben, Teams geführt, Fahrtstrecken absolviert, Kinder versorgt und gekuschelt, eingekauft und Wäsche gewaschen haben. Ich frage dann: „Was kostet dieser Kaffee jetzt?“. Die Antwort ist meist so etwas wie: „Die Spülmaschine wird nicht ausgeräumt und die Kinder/ das Team/ die Nachbarin/ der Kunde/ … müssen warten.“ Aha, könnte es sein, dass das ein vertretbarer Preis dafür ist, dass Du Kraft tankst für die verbleibenden Stunden des Tages – an dem Du dann 15 Minuten Zeit hattest, für Dich?!

 

Und weißt Du was? Solche kleinen Zeitinseln sind es, die uns immer wieder daran erinnern, was uns wirklich wichtig ist und welche trade-offs wir machen wollen. Paul Loomans beschreibt das in seinem Buch „Ich habe die Zeit: Gelassen alle Aufgaben meistern. Eine Anleitung zum Zeitsurfen“ (z. B. hier bei Amazon) sehr gut. Den Begriff Zeitinsel habe ich von ihm übernommen und teile seine Meinung zu den Effekten von Zeitinseln, in denen man innehält und der Geist zur Ruhe kommt: Man wertet automatisch bisherige Aufgaben aus und erkennt gute Ergänzungen oder löst Denkblockaden, man kommt zur Ruhe und es fällt einem leicht zu entscheiden, wofür man sich die restliche Zeit des Tages Zeit nehmen will.

 

Mit etwas Übung und der immer regelmäßigeren Beschäftigung mit Menschen, Aufgaben und Dingen, die Dich wirklich begeistern und Dir am Herzen liegen, für die Du Dir Zeit nimmst und so in den Fluss kommst (der berühmte „flow“, den Mihaly Csikszentmihalyi so ausführlich beschreibt), gelingt es Dir dann vielleicht sogar:

 

Die Zeit bleibt für Dich für einen Moment stehen.

 

 

 

Photo by Josh Newton on Unsplash

 

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