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Stell Dir vor, Du willst das wirklich!

 

Stell Dir vor, Du bist so um die Vierzig, im Großen und Ganzen gesund und Deine Kondition ist in Ordnung. Früher warst Du ziemlich sportlich.

 

Und stell Dir vor, Du wanderst seit zwei Wochen auf dem Jakobsweg mit Tagesetappen von rund dreißig Kilometern. Du hast schon verstanden, dass Pilgern nichts mit Sprinten zu tun hat und bist in Deinem Wohlfühltempo unterwegs. Nicht zu schnell, aber immer noch recht flott. Gerade bist Du auf einem Abschnitt, der im Pilgerführer als anspruchsvoll ausgewiesen ist. Es geht bergauf und bergab auf einem kleinen Pfad voller großer und kleiner Steine, Geröll und Wurzeln. Deine Mitpilgerin und Du, Ihr wandert schweigend und konzentriert, um nicht zu stolpern oder auszurutschen. Von hinten nähern sich zwei Pilger deutlich schneller als Ihr. Ihr tretet einen Schritt in den Berghang, um die Beiden passieren zu lassen, so schmal ist der Pfad. Die Zwei grüßen mit dem typischen „Buen Camino“ und bedanken sich im Vorbeifliegen mit Schweizer Akzent. „Wow!“, denkst Du: „Die sind ja schnell unterwegs.“. Deine Mitpilgerin und Du seid beide erstaunt, dass dieses sehr rüstige, aber eindeutig Ü-60-jährige Paar derart flink und behände unterwegs ist. Er trägt einen großen Tourenrucksack, sie einen kleinen Tagesrucksack. Und sie geht schräg hinter ihm, eine Hand leicht an seinem Rucksack. Binnen weniger Minuten sind die Beiden vor Euch nicht mehr zu sehen.

 

Zwanzig Kilometer später erreicht Ihr schmutzig und verschwitzt die Herberge für die Nacht. Während Du Dich orientierst und Dir ein Bild machst, wo Du für heute angekommen bist, entdeckst Du die flinke Schweizerin. Offensichtlich bereits frisch geduscht und ausgeruht steht sie scheinbar verloren an der Küchentür herum. Pilger haben ja alle viel Zeit und können gut mal irgendwo einfach rumhängen. Aber Du an ihrer Stelle würdest es Dir zu diesem Zweck bequemer machen. Sie wirkt wie auf Pause gedrückt, mitten auf dem Weg von der Dusche zur Küche. Quer über den Raum hinweg scheint sie Dich nicht zu erkennen. „Aber gut“, denkst Du „mein Tempo wird auf sie wesentlich weniger Eindruck gemacht haben, als ihres auf mich. Sie wird sich nicht erinnern, mich heute überholt zu haben.“

 

Auch Du findest dann die Dusche und ein Bett. In dieser Herberge mitten in den Bergen gibt es kein Essen, also machst Du es Dir mit einem Rest Baguette, Käse und einer Banane auf einem alten schrulligen Samtsofa bequem. Dir gegenüber in zwei Ohrensesseln aus orangenem Cord sitzt das Schweizer Ehepaar. Er bietet an, Dir ein Bier aus dem Getränkeautomaten mitzubringen und Ihr kommt sehr nett ins Gespräch. Irgendwann kannst Du nicht anders und fragst, wieso um Himmels willen die Beiden auf dem Jakobsweg so rasen. Die Antwort haut Dich um!

 

Sie ist blind! Du kannst es nicht glauben. Klar, auf einmal verstehst Du die Hand am Rucksack ihres Mannes, das verlorene Herumstehen und das Nicht-Erkennen. Aber eigentlich verstehst Du es jetzt noch viel weniger als vorher. Wieso diese halsbrecherische Geschwindigkeit? Die Erklärung der Schweizerin kommt direkt und Du spürst, dass ihr ein intensives und langes Suchen und Finden zugrunde liegt: „Ich liebe das Wandern und den Fluss der Bewegung beim Pilgern. Weil ich den Weg nicht sehe, konzentriere ich mich darauf, was ich selbst beim Wandern tue. Ich mache meine Schritte und mein Körper gleicht die Unebenheiten aus. Wenn ich langsam gehe, lasse ich mich ablenken von Details und komme aus dem Gleichgewicht.“

 

Wahnsinn, oder? Das ist eine wahre Geschichte, die ich genau so vor ein paar Jahren erlebt habe und die mir immer wieder einfällt. So auch neulich beim Joggen im Wald, als es schon dunkel geworden war und ich den Weg nicht mehr gut sehen konnte. Ich hätte Angst kriegen können zu stolpern und mir den Fuß zu verknacksen und den Rest im Schritttempo gehen können. Aber ich hatte so Lust zu laufen, dass ich mich ganz auf mich und meinen Körper mit seinen Bewegungen und seiner Kraft konzentriert habe. Die Umgebung war mir egal, ich bin durch Pfützen gelaufen, habe Unebenheiten, Steine und Matsch kaum wahrgenommen und einen sprichwörtlichen Lauf gehabt. Und genau in dem Moment habe ich erst so richtig verstanden, was das Geheimnis der Schweizerin und die Botschaft ihrer Geschichte ist.

 

Wenn Du etwas wirklich tun willst, dann tu es. Wenn Dein Herz Dir sagt, es will wandern, dann geh wandern – auch wenn Dir sicher genug Menschen sagen, dass das blind nicht geht.

 

Wenn Du etwas wirklich tun willst, dann tu es mit jeder Faser Deines Körpers und Herzens. Gib alles, was Du hast. Und wenn jemand sagt, Du brauchst Sehkraft dafür, dann sch… drauf und schärfe Dein Gleichgewicht, trainiere Deine Muskeln, Dein Hören und Deinen Tastsinn, nutze alles was Dir zur Verfügung steht.

 

Wenn Du etwas wirklich tun willst, dann tu es auf Deine Weise. Beiß Dich durch, steh auf wenn Du stolperst und übe, übe, übe. Komme in den „Flow“, diesen Zustand, in dem Du Zeit und Raum vergisst und ganz in Deiner Tätigkeit aufgehst.

 

Wenn Du etwas wirklich tun willst, dann akzeptiere, dass es Momente geben wird, in denen Du verloren herumstehst und Dir wünscht, in Deinem gewohnten Trott zu sein.

 

Wenn Du etwas wirklich tun willst, halte Dich nicht mit Details auf. Lass Dir nicht von jedem Stolperstein Angst einjagen oder das Gefühl vermitteln, dass diese Aufgabe zu schwierig ist.

 

Wenn Du etwas wirklich tun willst, suche Dir Verbündete. Nimm Hilfe an. Du musst den Weg nicht allein finden.

 

Und? Was willst Du wirklich tun? 

Du weißt es gar nicht?

Wenn Du Dich sehnst, es zu wissen, dann finde es heraus.

Wenn Du es wirklich willst!

 

Photo by Fabrizio Verrecchia on Unsplash

 

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