27.11.2022

Wie durch Perfektionismus die Qualität den Bach runter geht | Stressmanagement

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Kennst Du das Gefühl: Du bemühst Dich und bemühst Dich, aber es wird eher schlimmer als besser?

Du hast ein sehr gutes Auge für Qualität. Du erkennst Fehler und verbesserungswürdige Darstellungen – sagen wir, zum Beispiel in einer Projektpräsentation – sofort. Dein Standard und Dein Anspruch an eine derartige Präsentation sind hoch. Hingeschluderte Slides zu nutzen, geht für Dich gar nicht. Du weißt halt, wie man es richtig macht. Die Kollegen nehmen es leider meistens nicht so genau. Allzu oft hast Du schon Überstunden gemacht, um auf die letzte Minute die Fehler und Schludrigkeiten der Kollegen oder Deines Teams auszumerzen. Das nervt Dich ganz schön. Du hast auch schon oft gesagt, dass die Anderen besser werden müssen. Geändert hat sich nichts. Im Gegenteil. Die Qualität der Zulieferungen wird immer schlechter. Und jetzt ist Dir bei der wichtigen Präsentation am Dienstag selbst ein Fehler unterlaufen und die Finanz-Vorständin hat Dich zurechtgewiesen.


Die Logik der Abwärtsspirale

Was für ein Mist. Aber bevor Du darüber so richtig schlechte Laune bekommst, lies lieber weiter, warum diese Entwicklung ganz logisch war und was Du tun kannst, um jetzt aus dieser Abwärtsspirale rauszukommen. Perfektionismus ist das, was entsteht, wenn wir durch Übertreibung das Gute ins Schlechte kippen lassen. Ordnung ist gut. Pedanterie nicht so sehr. Hohe Standards sind gut. Besserwisserei nicht so sehr. Qualität ist gut. Null-Toleranz nicht so sehr. In diese Übertreibungen rutschen wir, wenn wir es mit einer unserer Stärken (in diesem Fall der Sinn für Qualität) übertreiben. Dann fangen wir an, uns nicht nur übertrieben zu verhalten, sondern auch getrieben zu sein. Mit Argusaugen suchen wir in den Slides der Kollegen nach Fehlern und können auch nach Feierabend nicht ruhen, sondern sitzen ferngesteuert am Rechner, obwohl wir eigentlich schon lange nicht mehr klar denken können. Das ist der Moment, wo uns selbst der Fehler unterläuft, den die Finanz-Vorständin natürlich sofort entdeckt.


Stressiger, innerer Antrieb

In diese Übertreibung rutschen wir durch unsere inneren Antreiber. Der Perfektionist in uns ist so ein innerer Antreiber. Der heizt uns ein mit Gedanken wie:

  • Fehler sind unverzeihlich.
  • Entweder ganz oder gar nicht.
  • Das kann man schon so machen, aber dann ist es halt kacke. Und...
  • ich weiß, wie man es richtig macht.
  • Wenn ich es nicht richte, dann wird das nichts.
  • ...

Dieser stressverstärkende innere Antrieb katapultiert uns auf direktem Weg in den Überlebensmodus in unserem Gehirn. Wir sind nicht mehr cool und gelassen, sondern angespannt, genervt und – ja – eben getrieben.


Selbst-Sabotage

Dummerweise werden wir in diesem Modus gereizt und herablassend mit den Kollegen und belehren sie als wären sie zu blöd. Worauf die Kollegen natürlich keine Lust haben und sich zurücknehmen. Warum sollen sie sich überhaupt anstrengen, wenn sowieso nie die Mühe, sondern immer nur die Fehler in ihrer Arbeit gesehen werden? Gleichzeitig werden wir selbst immer angespannter und haben das Gefühl, ganz allein für die Rettung der Welt… äh, Präsentation verantwortlich zu sein. Diese Anspannung verengt unsere Wahrnehmung und lässt uns Fehler machen. Vielleicht weckt sie uns sogar nachts um 3:00 Uhr mit der Sorge, noch einen Fehler in den Slides übersehen zu haben. Und damit sind wir dann auch noch übermüdet, wenn wir vor den Zuhörern stehen.

Das sind richtige innere Sabotage-Akte, die wir in solchen Situationen am Laufen haben. Stimmst Du mir zu? Wenn ja, dann interessiert Dich jetzt sicherlich, was Du dagegen tun kannst. Zum Glück ist es gar nicht so schwierig, den sabotierenden Perfektionisten in uns in den Griff und die Qualität, die Dir am Herzen liegt, auf die Straße zu bekommen.


Selbst-Sabotage verhindern
Schritt 1: Enttarne Deinen inneren Perfektionisten

Bemerke, was da gerade läuft. Beachte, wie getrieben und unzufrieden Du Dich mit Dir und allen um Dich herum fühlst. Nimm wahr, welche negativen Gedanken Dir Dein innerer Perfektionist einflüstert.

Schritt 2: Stoppe die Gedankenspirale

Sage Dir innerlich ganz deutlich: Stopp! Warte mal, so läuft das ja irgendwie nicht. Halte inne und nimm ganz bewusst drei ganz tiefe und ganz lange Atemzüge. Und dann tritt ans Fenster und nimm Dir zwei Minuten Zeit, einfach nur die Jahreszeit zu beobachten. Woran kannst Du sehen, dass es Herbst ist. Achte auf Farben, Formen, Bewegungen, die Du von Deinem Fenster aus sehen kannst. Super! Damit schaltest Du automatisch raus aus dem Gehirnareal, in dem unser Überlebensmodus und unser Stress verortet ist.

Schritt 3: Nochmal neu aus der Liebe für Qualität gedacht

Und jetzt werde Dir bewusst, was Dir wirklich gerade am Herzen liegt – in unserem aktuellen Fall die Qualität. Was kannst Du am besten tun, um der Qualität zu dienen? Willst Du die Beiträge der Kollegen würdigen und mit ihnen sprechen, wer welche Fehlerquellen am besten im Blick haben könnte? Willst Du das aktuelle Projekt in der Reihe Deiner gesamten aktuellen Projekte auf der Prioritätenliste verorten und überprüfen, ob Du hier den 100%-Ansatz fahren möchtest? Und wenn ja, für welches andere Projekt 80% ausreichend sind? Möchtest Du Zeit einplanen, um am Abend vor der wichtigen Präsentation einen ausgiebigen Spaziergang zu machen, damit Du gut schläfst und den Vortrag ausgeruht halten kannst? Was es auch ist, lass es aus Deiner absoluten Stärke, Deinem Sinn für Qualität, heraus entstehen. Lass Dich von diesem Wert positiv leiten, statt Dich getrieben und verbissen im Kleinen zu verlieren.


Dein Qualitäts-Hebel

Den Unterschied wirst Du schnell spüren – in Deinem Stressempfinden, in Deinem Verhältnis zu den Kollegen und vor allem auch an der Qualität, die Du und Ihr abliefern könnt. Es lohnt sich also, Schritt 1, 2 und 3 bei der nächsten Perfektionismus-Attacke einfach mal auszuprobieren.


Ich wünsche Dir ganz viel hochwertigsten Spaß dabei!


Und hey – wenn du Unterstützung beim Umschalten vom Überlebensmodus in Deine innere Stärke gebrauchen kannst, dann schreibe mir unbedingt. Ich freue mich darauf, von dir zu hören!

Ich lebe und arbeite im schönen Idstein bei Wiesbaden und Frankfurt im Rhein-Main-Gebiet. Die Technik macht es möglich, dass wir räumliche Distanz im Online Coaching überbrücken können.


pic by Ante Hamersmit on Unsplash


Tags

mentale Fitness, Resilienz, Stress, Stressmanagement


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