15.7.2021

Das Gute im Schlechten | Coaching behind the Scenes

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Heute habe ich einen behind-the-scenes-Austausch unter Coaches für Dich festgehalten. In Gesprächen mit Interessenten und Bekannten stelle ich oft fest, dass vielen unklar ist, was ein Coach eigentlich macht. Die Vorstellungen reichen unter Anderem von „viele Gespräche führen und den Menschen helfen“ bis zu „ein paar Termine in der Woche und sonst ein laues Leben“.

Das hat natürlich viele Gründe – angefangen damit, dass „Coach“ in Deutschland kein geschützter Begriff oder Berufsbezeichnung ist, was wiederum dazu führt, dass das Spektrum der angebotenen Coaching Leistungen in der Tat riesig ist. Das gilt inhaltlich wie qualitativ. Ein weiterer Grund ist, dass die sichtbare Arbeitsleistung eines Coaches immer nur die Spitze des Eisberges gesammelter Erfahrung und erlernter Methodik sein kann. Logisch – und ich persönlich habe immer wieder so viel Freude daran, in meiner Arbeit im richtigen Moment auf das passende Wissen zurückgreifen zu können, um meinen Klient:innen den in dem Moment richtigen Impuls zu geben.


Was macht ein Coach?

Dazu gehört für mich ganz klar: Ich kann bei Themen unterstützen, zu denen ich selbst ausgebildet, erfahren, sehr sortiert und reflektiert bin - Stressmanagement, Resilienz, Burnout-Prävention, Zeitmanagement, gesundes Führen, Konfliktmanagement. Zur Reflektion genieße und brauche ich regelmäßigen Austausch mit Kolleg:innen, meiner eigenen Coachin und Mentorin und in Weiterbildungen. Dieser Austausch ist ein ganz wichtiger Teil meines Jobs.

Dies ist der einleitenden Worte genug. Neulich hatte ich wieder solch einen Austausch, der bereits im Meeting mit den Kolleg:innen so unheimlich große Fragen und komplexe Herausforderungen thematisiert hat, dass die verschiedenen Perspektiven und Gedankenansätze dazu noch in mir weitergearbeitet haben. Da ich diese Auseinandersetzung mit speziell dieser Fragestellung besonders aktuell für höchst relevant halte, teile ich mein Gedächtnis-Protokoll heute mit Dir - als behind-the-scenes der Tätigkeiten eines Coaches und als Gedankenanstoß, dazu Deine persönliche Wahrheit zu finden.


Behind the Scenes: Coaches unter sich

Szene: Diskussionsrunde im Rahmen einer Weiterbildung. Es geht um die Frage, ob sich in allem Schlechten etwas Gutes finden lässt. Wie zu jeder Coaching-Weiterbildung gehört auch zu dieser viel Selbsterfahrung und wir reflektieren über unsere Empfindungen beim Ausprobieren der neu erlernten Übungen. Die These lautet: Jede schlechte Erfahrung enthält auch ein Geschenk!

Coach 1: Ganz ehrlich, Leute. Ich störe mich total an dem Begriff „Geschenk“. Das ist für mich einfach nicht richtig. Es gibt Schicksalsschläge und Umstände, in denen sich beim besten Willen und Suchen für mich kein Geschenk entdecken lässt. Wie seht ihr das?

Coach 2: Wenn wir die Reflektionsübung zu dem Konzept hernehmen, schauen wir auf herausfordernde Lebensumstände, die wir früher bis zurück in unsere Kindheit erlebt haben. Und dann ist die Idee, herauszufinden welche Stärken uns durch diese schlechten Phasen gebracht haben und welche persönlichen Stärken wir vielleicht auch gerade durch diese schwierigen Erfahrungen ausgebildet haben, die uns heute Gutes ermöglichen.

Coach 3: Ich denke an meine Burnout-Erfahrung. Das war erstmal natürlich eine richtig miese Sache. Ich wünsche es keinem und freue mich heute für jeden, dem ich helfen kann, das zu umschiffen. Aber wenn ich heute überlege, welche Entwicklung mir diese Erfahrung ermöglicht hat, bin ich dankbar für das Geschenk, was sie letztlich beinhaltet hat: Meine heute selbständige berufliche Tätigkeit.

Coach 1: Ja, ja, das verstehe ich natürlich. Aber das Ganze hat für mich einfach Grenzen. Ich sag mal: Auschwitz! Was soll das denn für ein Geschenk beinhaltet haben?!

Coach 4: Wahrscheinlich müssen wir noch nicht einmal auf dieses unfassbare Ausmaß an Schlechtem schauen. Schon der Tod eines einzigen geliebten Menschen reicht, um die Aussage „Jede schlechte Erfahrung beinhaltet ein Geschenk!“ ordentlich wackeln zu lassen.

Coach 2: Das erinnert mich an das Bild der Muskeln, mit denen wir schwierigen Lebenssituationen begegnen können. Je nach Muskelkraft unserer Selbststeuerungsfähigkeit oder unserer Resilienz können wir die Gewichte heben, die uns das Leben in den Weg legt. Mit untrainierten mentalen Muskeln schaffen wir es, uns nicht über kleinere Unpässlichkeiten im Alltag zu ärgern, sondern nutzen sie vielleicht sogar für ein Päuschen. Für größere Herausforderungen brauchen wir mehr mentale Muskelkraft.

Coach 5: Resilienz und unsere mentale Muskelkraft hat auch viel mit Timing zu tun. Also, in welcher Phase der schwierigen Lebenserfahrung ich mich gerade befinde. Im Training wird ja Christopher Reeve als Beispiel genannt, der gesagt haben soll, dass er tiefe Dankbarkeit für die Wendung in seinem Leben empfindet, die seine Querschnittslähmung durch den schweren Reitunfall brachte. So eine Querschnittslähmung braucht ordentliche Resilienz-Muskeln, um das Gute darin zu finden. Und gleichzeitig erinnere ich mich, dass der Trainer sagte, diese Haltung wird Reeve sicher nicht in den Tagen oder Wochen direkt nach dem Unfall gelungen sein.

Coach 1: Für mich sind das alles Gründe, mindestens den Begriff „Geschenk“ mit meinen Klienten nicht zu verwenden. Es ist mir wichtig, ihnen auch das Recht zu lassen, an etwas zu leiden. Wenn im Coaching kein Raum für negative Gefühle ist, wo denn sonst?

Coach 4: Das sehe ich auch so. Negative Gefühle wie Wut, Verzweiflung, Traurigkeit oder Trauer zum Beispiel gehören zum Leben dazu und dürfen und sollten auch gefühlt werden. Und irgendwann kommt vielleicht der Punkt, wo wir merken, dass wir sie hinreichend gefühlt haben und wo wir etwas zum Guten verändern wollen oder uns etwas Positives zum Ausgleich ins Leben holen möchten. Oder etwas Positives mit unserem Leben anstellen wollen – wie Christopher Reeve, der sich dann zusammen mit seiner Frau sehr engagiert der Unterstützung von Querschnittsgelähmten Menschen gewidmet hat und daraus scheinbar viel Lebenszufriedenheit zog.

Coach 3: Es geht ja auch immer um die Frage, ob ich mit der Realität kämpfe und nicht wahrhaben will, dass das Gute und das Schlechte gleichermaßen in der Welt sind. Genauso gibt es Gutes und Schlechtes in jedem einzelnen Leben – mit den dazugehörigen positiven und negativen Emotionen. Und zwar ziemlich genau fifty:fifty. Die Augen vor dem Schlechten zu verschließen macht ebenso blind, wie uns das Verweilen beim Schlechten die Lebensfreude raubt.

Coach 5: Ja, genau. Und ein Klient braucht Unterstützung beim Fühlen und Wahrnehmen des Emotionsspektrums und ein anderer dabei, neue Perspektiven zu entdecken. Mir geht es im Coaching darum, bei anstehenden Entwicklungsschritten zu unterstützen. Das heißt ja nicht, dass ich einen trauernden Menschen dazu bewege, ein Geschenk im Verlust des Partners zu sehen. Das wäre ja grausam. Wenn aber das Bedürfnis da ist, nach einem vielleicht schweren Schicksalsschlag wieder Positives im Leben zu finden, dann helfe ich behutsam bei der Suche danach und nach den entsprechenden Muskeln.

Coach 1: Ok, ja, finde ich gut. Und es bleibt wohl, dass es unfassbar Schlechtes gibt, für das kein Mensch ausreichend Muskelkraft hat, um Geschenke auszugraben.

Coach 3: Ich denke gerade an Viktor Frankl, der als Psychiater Ausschwitz überlebt hat und trotz – oder gerade wegen? – dieser unvorstellbaren Erfahrung vertreten hat, dass jede Situation erstmal neutral ist und nur durch unsere persönliche Bewertung schwierig wird. Das ist doch unfassbar beeindruckend, nach dem Durchleben mehrerer Konzentrationslager und dem Verlust aller geliebten Menschen, zu solch einer Erkenntnis zu gelangen! Zum Glück dürfen wir diese Erkenntnisse im Coaching ja auf handhabbare Schwierigkeiten ansetzen.

Coach 2: Überwinden von Schwierigkeiten, Wachstum und Entwicklung findet ja immer auch oder mindestens auf individueller und sehr persönlicher Ebene statt. Und da gilt es dann persönlich mutig die mentalen Trainingsgewichte zu stemmen.

Coach 4: Oh ja, alles hat seine Zeit und hängt maßgeblich mit der eignen Persönlichkeit und der jeweiligen Situation zusammen.


Nach diesem Austausch durften wir uns der nächsten Fragestellung in der Weiterbildung widmen. Das Gespräch wirkte jedoch besonders in mir nach, weil ich sehr deutlich die Neugier und das Mitgefühl für jeden Startpunkt meiner Klient:innen in mir spüre. Meine Aufmerksamkeit ist hellwach:


Was brauchst Du?

Wonach sehnst Du Dich? Brauchst Du einen Raum, in dem Du auch mal einfach alles sch… finden darfst? Möchtest Du für Dich gern sortieren, was zu akzeptieren ist und wo Deine Sehnsucht nach Veränderung in Handlung umgewandelt werden kann? Oder kannst Du Unterstützung dabei gebrauchen, Chancen jetzt zu nutzen und das Gute im Schlechten jetzt Wirklichkeit werden zu lassen?

Was ist Deine Meinung dazu? Wie ist Deine Haltung zu der Chance in der Krise? Und was brauchst Du jetzt gerade ganz konkret?


Und hey – das sind schwierige Fragen, die auch in der Coach-Runde und theoretisch eine ordentliche Komplexität haben. Schreibe mir einfach eine Mail und wir finden gemeinsam heraus, ob und wie ich Dich dabei unterstützen kann, Deine persönlichen Antworten zu finden.

Ich lebe und arbeite im schönen Idstein bei Wiesbaden und Frankfurt im Rhein-Main-Gebiet. Die Technik macht es möglich, dass wir auch räumliche Distanz im Online Coaching überbrücken können.

Pic by Faris Mohammed on Unsplash


Tags

Coaching, Resilienz, Stressmanagement


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