08.5.2021

Angst auf dem Jakobsweg

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Mit der Angst ist es ja so eine Sache. Meist wollen wir sie irgendwie loswerden. Wir haben das Gefühl, sie schwächt und behindert uns. Dabei ist Angst doch so wertvoll! Angst ist unser oberster Beschützer. Sie bewahrt uns vor Gefahren und Risiken. Wer keine Angst hat, wird schnell fahrlässig. Etwas zu wagen, obwohl man Angst hat, das ist Mut.

Angst als Beschützer

Weißt Du, was gut funktioniert? Wenn Du Dir Deine Angst als den kleinen Beschützer in Dir vorstellst, der sie tatsächlich ist. Und dieser kleine Beschützer hat wirklich nur Dein Bestes im Sinn. Dir soll bloß nichts passieren! Vielleicht willst Du dafür einen Moment Dankbarkeit erübrigen. Er hat Dich schon vor wirklich Vielem bewahrt. Dieser kleine Beschützer kann allerdings auch sehr emsig und etwas übereifrig sein und alle Risikopotentiale sorgfältig katalogisieren, die Dir – und Deinem Beschützer – bisher so zu Ohren gekommen sind. Den Job wechseln? Lieber nicht! In einem neuen Unternehmen könnte alles viel schlechter laufen. Einen Vortrag halten? Oh jeh, nein! Du könntest den Faden verlieren. Die eigene Komfortzone verlassen und etwas Neues wagen? Dein Beschützer katapultiert Dich gerne direkt in die Panikzone und Dir bleibt die tolle Wachstumszone vorenthalten. Aber sein Job ist gemacht, Du bleibst auf dem Sofa und dort in Sicherheit.

Danke an die Angst

Also, erstmal Danke, liebe Angst. Für den Schutz und als nächstes gerne auch für die Orientierung. Denn sie kann uns auch als Wegweiser zu unseren Bedürfnissen dienen. Angst ist dort, wo uns etwas nicht egal ist. Und damit ist es natürlich höchst interessant, uns zu fragen: Was genau macht mir denn da eigentlich gerade Angst? Welche Wachstumsmöglichkeiten verbergen sich hinter der Angst? Für mich bewahrheitet sich in meiner Arbeit immer wieder der Satz von Jack Canfield:

„Everything you want, is on the other side of fear“ - Alles, was Du Dir wünschst, liegt jenseits der Angst.


Mutig sein

Sobald Du dahinter schaust, weißt Du, warum es sich lohnt, mutig zu sein und es (was auch immer „es“ für Dich ist!) auch mit der Angst zu machen. Zur Inspiration dazu ein Auszug aus meinem Tagebuch vom Camino del Norte*, den ich schon mehrfach bei meinen Impulsvorträgen vorgelesen habe und der immer für Erheiterung sorgt:


Der Stier

Ich liebe die Natur, brauche sie und bin ihr sehr verbunden. Allerdings stellt sich raus, dass der Bäuerin- und Naturforscher-Anteil in mir seine Grenzen hat. Und dass die auch früher greifen, als ich immer so im modernen Bürogebäude sitzend dachte. Bereits die Ringelnatter-Überraschung daheim hatte mich meine Coolness gekostet. Nun waren es in Spanien aber nicht die Schlangen, die mich das Fürchten gelehrt haben. Furchtlos und mutig bin ich auf verwunschenen, bewachsenen Steinpfaden, auf denen sich des Öfteren Äskulapnattern an sonnigen Felsen wärmten, vor Ulrike gelaufen und habe die Schlangen mit festem Schritt vertrieben. Heldenhaft. Denn Ulrikes Angst war die vor Schlangen. Heldentum ist ja einfach, wenn man sich selber gar nicht fürchtet.

Ganz anders sah es für mich aus, als sich uns der Stier in den Weg stellte. Auf seiner Weide, über die unser Camino-Pfad führte, stand er bei seinen Kuh-Ladies. Und zwar quer über unseren Weg, als wollte er damit eine Aussage treffen. Lange haben wir gewartet, ob er nicht vielleicht rüber zu seinen Ladies läuft, damit wir passieren können. Aber den Gefallen hat er uns nicht getan. Es galt also, echten Mut zu beweisen. Mut braucht es ja nur in Situationen, in denen man Angst hat. Aber Angst haben ist auch nicht schlimm. Man kann etwas ja auch machen, während man Schiss hat. 

Ulrike hat vor Kühen nicht so viel Schiss und beschließt, auszuprobieren, was der Stier macht, wenn sie seine Weide betritt. Ich versuche noch eine Weile, sie davon abzuhalten, aber sie hat ja Recht. Wir können nicht den ganzen Tag vor dem Gatter stehen. Heldenhaft betritt Ulrike die Weide, während ich – deutlich weniger heldenhaft – versichere, das Gatter zu bedienen, sollte sie rennen müssen. Aber sehr durchdacht und logisch schreitet Ulrike ruhigen, unaufgeregten Schrittes in einem Bogen über die Wiese um den Stier herum. Es scheint zu klappen. Der Stier bewegt sich nicht von seinem Wachposten weg. Als Ulrike halb um den Stier herum ist und damit so gut wie auf seiner anderen Seite und bald über die Weide, wird mir plötzlich klar, dass ich nun wohl folgen muss. Und das ohne Ulrike an meiner Seite – die ist ja schon drüben.

Puh, mir schlägt das Herz bis zum Hals und ich bin mir sicher, der Stier kann meine Angst riechen. Zu allem Überfluss trage ich nicht wie Ulrike gedeckte blau-graue Outdoor-Kleidung, sondern mein neon-pinkes T-Shirt. „Na, immerhin nicht rot“, denke ich und öffne das Gatter. Behutsam betrete ich die Weide und schiele zu dem Stier, während ich gleichzeitig völlig gleichgültig tue. Das Gestrüpp zerkratzt mir ordentlich die Beine, aber das bemerke ich erst später. Mein ganzer Körper ist mit jedem Schritt auf Fluchtmöglichkeiten fokussiert. Der Stier dreht den Kopf und schaut mich an. Wenn ich mich nur besser mit Kühen auskennen würde und seine Körpersprache zu deuten wüsste…

Nun bin ich ebenfalls halb über die Weide. Ich fixiere die Bäume auf der anderen Seite und frage mich bei jedem Schritt, ob ich jetzt bei einem Wett-Sprint mit dem Stier schon schneller wäre.

Jetzt? ... Wohl noch nicht.

Jetzt? ... Vielleicht, aber unwahrscheinlich.

Jetzt? ... Eventuell, wenn ich richtig Gas gebe.

Jetzt? ... Ja, jetzt könnte ich es vielleicht schaffen!

Meine Schritte beschleunigen sich und meine Bewegungen verlieren an Vorsicht. Immer noch bin ich aber mit jedem Schritt darauf bedacht, den Stier nicht zu reizen. Da ist der Zaun zwischen den Bäumen. Gleich gerettet! Erst direkt am Zaun ist erkennbar, dass es gar kein Gatter gibt! Der Zaun hat einfach eine Lücke zum Wald hin. Jeder kann da einfach durchmarschieren.

Auch der Stier.

So setzt dann auch meine Erleichterung nicht sofort ein, sondern nur ganz langsam mit jedem Schritt weiter durch den Wald.


Herzlichst und mit ermutigenden Grüßen,

Deine Katrin


Und hey – Du musst Dich Deiner Angst nicht alleine stellen. Schreibe mir einfach eine Mail und wir sprechen, was Dir jetzt gerade helfen würde.


* Camino del Norte ist der Jakobsweg, der an der spanischen Küste entlang führt.


Foto: Privat


Tags

Angst, Stressmanagement


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