22.5.2021

Der gute und der böse Stress

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Den Stress loswerden, Entspannung finden, Burnout vermeiden… klingt das für Dich alles nach Weniger? Und Du willst nicht weniger, sondern mehr? Mehr Erfolg, mehr Karriere, mehr Geld, mehr Wohlstand, mehr Anerkennung? Und Du denkst, wie schon von Hans Selye* formuliert: „Stress ist die Würze des Lebens!“ und: „Ich brauche den Stress auch, da laufe ich erst so richtig zur Hochform auf.“? Sehr richtig und gut beobachtet. An der Stelle entsteht oft Verwirrung. Einer will den Stress unbedingt loswerden und ein Anderer sucht ihn als Kick und Leistungsmotor. Wer hat denn jetzt Recht? Ist Stress jetzt gut oder schlecht? Es gibt ja auch irgendwie verschiedenen Stress, oder? Den guten will ich vielleicht behalten und nur den schlechten vermeiden. Aber wie unterscheide ich den einen vom anderen? Diese Fragen möchte ich heute für Dich aufgreifen und Licht ins Stress-Dunkel bringen. Gut ausgeleuchtet kannst Du Dir die Fakten anschauen und für Dich selbst entscheiden: Kann der (Stress) weg, oder brauche ich den noch?


Stress-Definition

Als Ausgangspunkt der folgenden Beleuchtung lass uns festhalten:

Stress ist eine Reaktion unseres gesamten Organismus auf eine von uns wahrgenommene und bewertete Situation.


Vielleicht dazu ein paar (Katzen-) Beispiele:


Die schnurrende Katze

Über unsere Sinne nehmen wir eine schnurrende Katze auf einem Sofa-Kissen wahr. Wir sehen sie, wir hören sie, vielleicht streicheln wir ihr weiches Fell und fühlen sie. Unsere Bewertung dieser Katze lautet vielleicht: Niedlich und kuschelig. Wir reagieren mit Entspannung, setzen uns vielleicht daneben und streicheln versonnen das weiche Fell der Katze. Unser Körper kommt zur Ruhe, das Kuschelhormon Oxytocin wird ausgeschüttet. Sehr entspannt.


Der Zoo-Tiger

Ein anderes Beispiel: Im Zoo gehen wir ins Raubkatzenhaus. Mit unseren Sinnen nehmen wir den Tiger wahr. Wir sehen ihn und - puh, seit Betreten des Hauses riechen wir ihn. Fühlen geht dank der Glasscheibe nicht. Aber als der Tiger zu einem mächtigen Brüllen anhebt und unsere Ohren in den Wahrnehmungsempfang einsteigen, da spüren wir spätestens so eine leichte Aktivierung unseres Organismus. Bei den Kindern ist die Reaktion oft sehr deutlich zu sehen: Augen weiten sich, körperliche Unruhe breitet sich aus und die Kids laufen entweder schutzsuchend zu Mama oder Papa auf den Arm oder aufgeregt an die Scheibe des Tigergeheges, um ihn gut sehen zu können. Aber auch wir Erwachsenen spüren diesen kleinen Nervenkitzel, oder? Es ist schon spannend, so ein Tigerbrüllen. Wir sind mit Brüllen im Tigerhaus wacher als mit schlafendem Tiger im Tigerhaus. Der vorher dringend herbeigesehnte Kaffee kann auf einmal noch etwas warten. Wir erinnern uns, warum wir überhaupt in den Zoo gegangen sind, nehmen vielleicht unsere kleineren Kinder auf den Arm und sind aufmerksam mit ihnen in diesem gemeinsamen Entdeckungsmoment. Das liegt an der Reaktion unseres Organismus auf den brüllenden Zoo-Tiger. Unser Gehirn hat die Situation als aufregend und spannend bewertet und uns vielleicht auch an die Gefährlichkeit des Tigers erinnert, wenn die Glasscheibe nicht wäre. Diese Bewertung reicht aus, um eine kleine Dosis aktivierender Stresshormone ins Blut strömen zu lassen. Wir sind wach und zu allem bereit – Kind hochheben und nur unser zivilisiertes Benehmen hält die meisten von uns davon ab, sich mit dem Kind den besten Platz an der Scheibe mit Ellenbogeneinsatz zu erkämpfen.


Der echte Tiger - äh, Löwe

Ein drittes Beispiel: Safari-Urlaub. Reifenpanne am Jeep. Beim Reifenwechsel taucht aus dem Gebüsch auf einmal ein … ok, an der Stelle passt der Tiger nicht! Nehmen wir eine Löwin, ok? … Also, es taucht eine Löwin auf. Wetten, dass unserem Gehirn eine winzig-kleine Wahrnehmungsinformation ausreicht, z. B. das Sehen aus dem Augenwinkel, um sofort zu der Bewertung „Gefahr!“ zu kommen? Gut so. Sofort verengt sich unser Fokus auf den Umgang mit dieser Gefahr. Sofort beschäftigt sich unser Gehirn nicht mehr mit der Reifenreparatur, sondern mit dem kürzesten Weg rein in den Jeep und der Frage, wo der Fensterheber nochmal in der Tür sitzt. Körperlich läuft eine 1A-Stressreaktion ab: Puls und Herzschlag steigen, Durchblutung der für Flucht oder Kampf wichtigsten Muskelgruppen wird erhöht, Muskeltonus ist sofort tipp-topp und wir können um den Jeep flitzen und ins Auto springen wie ein junges Reh.


Der gute Stress - Eustress

Was die drei Beispiele deutlich machen sollen, ist die relevante Frage der Intensität des Stress-Reizes. Es gibt nicht „den guten“ und „den schlechten“ Stress, sondern zu wenig, genau richtig dosierten und zu viel Stress. Stress aktiviert uns und ermöglicht uns Leistung. Bis heute ist mir noch niemand begegnet, der seinen persönlichen Beitrag nicht leisten möchte. Die richtige Intensität an wahrgenommenem Stress-Reiz aktiviert uns in einem Maß, in dem wir uns energiegeladen fühlen (auf den Kaffee noch etwas verzichten können) und unsere Anstrengung im richtigen Verhältnis zur Aufgabe steht. Wenn die Intensität stimmt, befinden wir uns in unserem optimalen Leistungsbereich. Dort agieren wir gerne und fühlen uns lebendig. Dort feiern wir unsere Erfolge und dort liefern wir Ergebnisse, die unsere Karrieren befeuern. Dort springen wir auf unserer Safari in den Jeep und berichten zu Hause von unserem Abenteuer.


Ohne Stress ist uns irgendwann langweilig

Ohne aktivierende Stress-Reize liegen wir selbst schnurrend neben dem Stubenkater auf dem Sofa und chillen. Das kann zum Ausgleich von Stress-Spitzen unheimlich erholsam sein. Auf Dauer wird das allerdings selbst dem größten Katzen-Freund langweilig und auch er/ sie sucht sich Betätigungsfelder.

Ok, soweit so gut. Stress hat also absolut sein Gutes und ermöglicht uns ein interessantes und energievolles Schaffen. Warum wird dann so oft darüber gesprochen, den Stress loswerden zu wollen? Was soll das dann mit der Stress-Prävention?


Der böse Stress - Disstress

Auch auf diese Fragen lautet die Antwort: Es geht um die Intensität. Ein hungriges Löwenrudel wird mir in einem offenen Jeep vielleicht doch zum Verhängnis? Keine Ahnung, ich war noch nie auf einer Safari, aber ich könnte mir vorstellen, dass mein Organismus es in so einer Situation auch leicht mit der Stress-Reaktion übertreiben könnte und mich an den Rand eines Herz-Infarkts bringen könnte. Tod durch in-die-Hose-machen gibt es ja nicht – vielleicht hätte ich doch eine Chance. Aber Scherz beiseite. Hungrige Löwenrudel gibt es in unserem Alltag nicht. In unserem Alltag geht es um die vielen, vielen Stress-Spitzen, die sowieso schon da sind und die wir teilweise als Löwe bewerten, während die Kollegin zu unserer linken sie lediglich als streunende Katze einstuft. Unsere persönliche Bewertung der Stress-Faktoren um uns herum, kombiniert mit der Intensität und Häufigkeit dieser Stressoren sowie der Intensität an ausgleichender Regeneration ergibt schnell ein Stress-Level, das deutlich über dem des aktivierenden Eustress liegt. Das ist kein anderer Stress, das ist zu viel des guten Stresses. Das ist chronischer Stress oder Disstress.


Im Alltag: Stress-Prävention

In unserem Alltag sind das die dauernden Unterbrechungen, der Termindruck, der Versuch des Multitaskings, die unklare Aufgabenbeschreibung, die ständige Veränderung der Strukturen, die unbefriedigende Kommunikation mit Schnittstellenfunktionen, der cholerische Chef, die ineffiziente Technik, das Jonglieren von Privatem und Beruflichem im Homeoffice, und, und, und…

Das ist der Stress, der uns ermüdet, erschöpft und dauerhaft krank macht. Zu viel dauerhaftem Stress ohne regenerativen Ausgleich ist unbedingt zu begegnen.

Disstress würzt uns das Leben nicht, sondern versalzt uns die Suppe.


Und hey – wenn Du unsicher bist, wo Du stehst, schreibe mir einfach eine Mail und wir finden gemeinsam heraus, ob Du im Eustress unterwegs bist oder im Disstress und tatsächlich dringend über Stressbewältigungsstrategien nachdenken solltest.


Ich lebe und arbeite im schönen Idstein bei Wiesbaden und Frankfurt im Rhein-Main-Gebiet. Die Technik macht es möglich, dass wir räumliche Distanz im Online Coaching überbrücken können.


* Hans Selye war Mediziner und Hormonforscher. Er hat das transaktionale Stress-Modell entwickelt und gilt als „Vater der Stressforschung“.    


Pic by Erik Jan Leusink on Unsplash


Tags

Disstress, Eustress, Stressmanagement


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